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Sefat Biuk-AghaiSefatollah Biuk-Aghai  *1935 - + 2017

Eine Foto-Erinnerung an einen Nachmittag, noch in der letzten Woche, im Kreise seiner Freunde bei El Puente: Sefat Biuk-Aghai, der Weltwanderer, mit Wanderstock und Rucksack, immer unterwegs. Immer aktiv. Keine Zeit fürs Ausruhen in so einem Bett. Für eine bessere, friedlichere, freundlichere Welt zu arbeiten, dafür lebte er. Er ist friedlich gestorben, in der Nacht zum Mittwoch.

Er ist für mich der erste Weltbürger gewesen, den ich kennenlernte. Aus dem Iran in den Westen, nach Hildesheim, kam er Ende der 50er Jahre, zunächst zu Gast bei Bosch in Sachen Radio. Dann baute er eine Gemeinde in Finnland auf, für seine Religion der Baha`i .

Was habe ich mit ihm gelacht über seine "interkulturelle Kompetenz" in Sachen Sauna. Mitten im Winter war er im kalten Finnland gelandet. Man wollte ihm Gutes tun und liess ihn eine Sauna nehmen. Plötzlich sei er ausgepeitscht worden mit Birkenzweigen, aber er habe doch gar nichts getan! Ein zweiter Besuch: diesmal sogar mit nackten Frauen - er habe sich umgedreht und gegen die Wand geguckt!

Er lernte in Finnland seine erste Frau aus Dänemark kennen. Machte dann ein Studium zum Förderschullehrer und arbeitete fast 40 Jahre als Förderschullehrer im Bockfeld.
Die Kinder aus zweiter Ehe machten ihn zum jährlichen Weltumkreiser. Eine Tochter auf Hawaii, ein Sohn in Macau. Ich nannte ihn immer meinen ersten Kosmopoliten.

Solche privaten Erzählungen waren eigentlich gegen seine Natur. Er machte nie ein großes Aufhebens darum. Für ihn stand sein soziales Engagement immer im Mittelpunkt. So kam er im Frühjahr 2005 zu Radio Tonkuhle mit der Idee zu einer interkulturellen Sendung. "Hiergeblieben" sollte sie heißen, wie eine damals in der VHS gezeigte Ausstellung zur Migration. Ich musste zu Beginn den Tonschnitt für seine Sendung machen, eine Sysiphus-Arbeit, sein eigentümlicher Sprachsingsang mit ineinander gewobenen Worten brachte mich oftmals an den Rand meiner Möglichkeiten. Aber er schaffte es beharrlich auch zum eigenen Schnitt. Immer kam er aber zur "Endabnahme" seines neuesten Beitrags zu mir, obwohl er längst alles richtig machte.

Unermüdlich war er bei Radio Tonkuhle im Verein dabei, ob bei der Vorbereitung von Festen, der Weihnachtsfeier, an Tagen der Offenen Tür. Bis in die späte Nacht und bei Regen bauten wir zusammen das Zelt am Hohnsen beim Tonkuhle Geburtstag ab. Von körperlichen Schwächen (er hinkte) oder Ermüdung keine Spur. Er teilte sich seinen Arbeitstag genau ein, machte Pause und hatte immer was leckeres für sich dabei, was er in aller Gemütsruhe in der Tonkuhle Küche verspeiste. Er war nicht nur gut zu anderen, sondern auch zu sich. Wir werden seinen Knoblauch-Geruch vermissen!

Er war Tonkuhles Migrationsexperte, war neugierig auf anderer Menschen Sitten; er wusste um fairen Welthandel Bescheid und half ihn unermüdlich zu propagieren; bei El Puente arbeitete er mit; er saß an Abrahams rundem Tisch für seine Religion, die Baha`i, er ging mit über die "Brücke der Kulturen". Nie verlor er ein radikales Wort, nie lockte man ihn im Interview zu einer provokanten Position. Höflich, zurückhaltend, zuvorkommend, immer ehrenamtlich, mit preußischem Hang zur Pflichterfüllung. Auch er hätte gerne die Einweihung des Hildesheimer Hauses der Weltkulturen mitgefeiert.

Es hat nicht sollen sein, sagen wir. Genauso unauffällig wie er auftauchte und wirkte - aber immer "nachhaltig" - so ist er jetzt gegangen, friedlich, über Nacht. Klein von Gestalt, übergross im Vorbild seiner Lebensführung.

Der Bürgerrundfunk ist seit 21 Jahren in Niedersachsen zu hören. In den Fluren der Funkhäuser wachsen die Erinnerungstafeln an die, die nicht mehr dabei sind. Die "Hall of Fame" bei Tonkuhle nimmt Sefat Biuk-Aghai mit grossem Dank und Anerkennung seiner Verdienste um seinen Sender auf. Mir wird er fehlen. Uns wird er fehlen.

Thomas Muntschick

 

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